Was gackert das Huhn?

Oder: Warum Stumpfsinnigkeit manchmal guttut

Es ist nicht gerade mein Spezialgebiet, das gebe ich zu. Sie laufen mir auch nicht ständig über den Weg. Ich kenne Hühner hauptsächlich aus meiner Kindheit. Meine Oma hatte welche auf unserem Hof. Da kam es öfter vor, dass aus dem Stall lautes Gegacker zu hören war. Oder dass eine Henne aufgeregt über den Hof stolzierte und hinausgackerte, was sie gerade vollbracht hatte. Genau – sie hatte ein Ei gelegt. Ja, Hühner machen das einfach so. Sie fragen auch nicht, ob das jemand wissen will. Sie tun es einfach. Es gehört für sie zum Eierlegen dazu.

 

Zum einen „berichtet“ das Huhn lautstark von seiner wahren Größe und seiner guten Tat, eindringlich, überzeugt, sich selbst lobend, wenn es schon kein anderer tut. Sollten wir auch viel öfter machen. Und zum anderen ist es eine Art Ritual, das hinter diesem Gegacker steckt: Die Henne gackert jedes Mal, wenn sie das Ei gelegt hat. Und sie legt jeden Tag ein Ei. Für sie ist es völlig normal, dies immer in der gleichen Weise zu tun. Sie macht es, ohne zu überlegen, ob sie heute ein Ei legen will, ohne zu gackern, oder ob sie kein Ei legen und trotzdem gackern will.

 

Vielleicht denken Sie jetzt: Toll, genau darum bin ich froh, dass ich kein Huhn geworden bin. Das ist ja ganz schön stumpfsinnig. Ich bin schließlich Unternehmer, um genau dieser Stumpfsinnigkeit aus dem Weg zu gehen. Jeden Tag neu zu entscheiden, was ich tun will und was nicht, das ist doch die Freiheit, die ich mir immer gewünscht habe. Und Recht haben Sie! Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber was mich an der Henne fasziniert, ist komischerweise genau diese Stumpfsinnigkeit, die vielleicht mehr Sinn darstellt, als wir zunächst erwarten.

 

Sie werden mir bestätigen, dass die Entscheidungsfreiheit, die Sie als Unternehmer oder Unternehmerfrau genießen, zwar eine wunderbare Sache ist, aber eben auch wahnsinnig anstrengend sein kann. Klar, als Selbstständige wollen wir wichtige Maßnahmen selber bestimmen – deshalb sind wir ja diesen Weg gegangen. Wir wollen mitreden, entscheiden, anführen. Ansonsten hätten wir uns als Arbeiter oder Angestellter in einer Firma bewerben können.

 

Aber mal ehrlich: Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie in Ihrem Büro sitzen und Sie sich nichts sehnlicher wünschen, als dass einfach mal Ruhe und Ordnung einkehren mögen, und nicht dauernd irgend jemand etwas von Ihnen will? Sehnen Sie sich nicht manchmal (oder vielleicht sogar öfter) danach, einfach stumpfsinnig Ihre Arbeit machen zu dürfen, ohne zu überlegen? Wäre das nicht Entspannung pur?

 

Denn wie läuft es denn in einem Handwerksbüro? Kein Tag gleicht dem anderen. Von einer Minute auf die andere kann ein wahrer Sturm durch das Büro fegen und alles aufwirbeln. Keine Spur von Ruhe und Gelassenheit. Wie wohltuend ist es da, in kleinen Ritualen stumpfsinnig zu sein, und ein paar Sekunden oder Minuten sich aus dem Alltagschaos zu nehmen. Wie das geht? Eigentlich ganz einfach. Und ich bin mir sicher, Sie machen das hi und da auch schon automatisch:

 

Holen Sie die Post aus dem Briefkasten und gönnen Sie sich beim Öffnen der Kuverts eine Tasse Kaffee. Oder gehen Sie ein paar Schritte von Ihrem Schreibtisch weg an einen bestimmten Platz, an dem ein gutes Buch liegt, und lesen Sie dort ein paar Zeilen. Machen Sie zu einer festen Uhrzeit Feierabend und räumen Sie vorher Ihren Schreibtisch auf. Stehen Sie kurz auf, wenn ein Arbeitsvorgang abgeschlossen ist und klopfen Sie sich auf die Brust. Schauen Sie eine Minute aus dem Fenster und entspannen Ihre Augen mit einem langen Blick in die Ferne...

 

Wiederholen Sie diese kleinen Auszeiten wann immer es möglich ist. Dann wird aus dieser Gewohnheit, die Ihnen gut tut ein kleines Ritual, das Ihnen neue Kraft gibt. Klar: Wenn es stürmt in Ihrem Büro, dann ist keine Zeit für Stumpfsinn. Dann muss schnellstens gehandelt werden - das ist keine Frage. Aber wenn Sie im Vorfeld schon regelmäßig kleine Auszeiten genommen haben, bin ich mir sicher, überstehen Sie die Stürme des Alltags umso leichter.

 

Überlegen Sie also, was Sie gerne machen und was Ihnen leicht fällt. Was tun Sie vielleicht schon automatisch? Wann genau tun Sie es? Ist es bereits zu einem Ritual geworden, ohne dass Sie es bemerkt haben? Dann konnten Sie sicherlich auch feststellen, wie dieses kleine Ritual die Hektik des Tages relativieren kann.

 

Denken Sie an das Huhn, das einfach gackert, ohne zu überlegen!