Faulenzerei

Wer faul ist hat die Chance, sich neu zu sortieren...

Seit einigen Jahren haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, einmal in der Woche während der Arbeitszeit gemeinsam mit unserem Hund raus zu gehen. Ja, genau, mein Mann und ich. Wir sind dann so für eine gute halbe Stunde weg. Unser Büro ist nur ein paar wenige Schritte vom nächsten Feldweg entfernt. Ein optimaler Ausgangspunkt also für eine kleine Runde mit unserem Vierbeiner. Hin und wieder kommt es vor, dass uns auf diesem Weg Menschen begegnen, die teilweise ganz erstaunt reagieren: Nanu, ihr hier? Um diese Zeit? Habt ihr denn nichts Besseres zu tun?

 

Nein, haben wir nicht, denn in der Tat: Diese halbe Stunde tut uns beiden richtig gut. Wir nehmen uns im wahrsten Sinne des Wortes raus aus der Alltagsmühle. Physisch Abstand zu nehmen, in der Natur tief durchzuatmen, heraussprudeln lassen, was vielleicht schon länger zur Sprache kommen wollte und noch keine Gelegenheit hatte…

 

Mag sein, von außen sieht das nach faul sein aus. Unserem Empfinden nach fühlt sich das eher wie Kraft schöpfen und Idee schmieden an.

 

Wenn wir Urlaub machen, sind die Reaktionen nicht ganz so krass. Denn Urlaub machen ist die offizielle Erlaubnis zum Faulenzen. Großartig! Da hat keiner etwas dagegen, wenn wir es uns auf dem Balkon gemütlich machen und beim Nichtstun in der Sonne schmoren. Auch nicht wenn wir drei Wochen am Strand liegen würden. Außer… vielleicht wir selber??

 

Geben wir uns denn selber die Erlaubnis zum Nichtstun? Oder ist unser Urlaub voll mit Unternehmungen gepackt und wir jagen von einem Aussichtspunkt zum nächsten, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen?

 

Dabei ist Faulenzen wertvolle Zeit, um sich und seine Gedanken wieder neu zu sortieren. Das ist für viele nicht einfach – ich weiß. Es braucht erstmal eine Weile, sich daran zu gewöhnen, die Arbeit sein zu lassen, auch gedanklich beiseite zu legen und abzuschalten. Zumindest von den Sorgen und Problemen sollten wir abschalten. Denn Gedanken, die ständig darum kreisen, wie schlecht etwas ist, können uns ganz schön die Stimmung vermiesen.

 

Doch was können wir tun, wenn dieses destruktive Gedankenkarussell ganz automatisch anfängt, sich in unserem Kopf zu drehen? Und das gerade im Urlaub, wenn wir eigentlich an etwas Schönes denken und genießen wollen. Wie können wir dem entgegensteuern? Geht das überhaupt?

 

Unsere Gedankenwelt hat sich seit unserer Geburt und sogar schon davor immer weiter ausgebildet. Alles was wir jemals erlebt oder in unserer Umgebung wahrgenommen haben, sammelt sich als Erfahrung oder wenn wir es so nennen wollen als Gedanke in uns an. Und damit diese riesige Ansammlung nicht als Chaos wild durcheinander tobt, suchen sich die einzelnen Gedanken kleine Grüppchen, die so ähnlich sind, wie sie selber. Man könnte auch sagen, sie bilden ein Team oder gründen eine Partei Gleichgesinnter. Jede dieser Gedankengruppen widmet sich einem eigenen Thema, das sie für äußerst wichtig halten und sie schreiben sich ihren Slogan auf ihre Fahnen. Je mehr es von diesen gleichen oder ähnlichen Gedanken in einer Gruppe gibt desto stärker und lauter wird dieser Zusammenschluss natürlich. Es entstehen sogenannte Gedankenmuster.

 

Nun ist es so, dass die stärksten Gruppen das Privileg haben, nicht nur im Untergrund aktiv ihre Parolen zu demonstrieren, sondern auch lautstark in unser bewusstes Denken zu kommen. Wir können das selber testen, welche Grundmuster da bei uns toben, in dem wir uns beim Denken beobachten und einfach mal faul sind und absolut nichts tun. Welche Gedanken kommen da? Um welche Themen geht es? Kreisen die Gedanken um Angelegenheiten in der Zukunft oder in der Vergangenheit?

 

Wenn diese Gedanken angenehm sind, weil sie von schönen Erinnerungen handeln, von Wertschätzung, Erfolg, Humor, Sicherheit, Freude, Mut usw., dann sind da ganz viele positive Gedankenmuster da. Gehen uns jedoch eher angstbesetzte Themen, Probleme, Hindernisse und Sorgen durch den Kopf, sind das eher einschränkende Gedankenströme, die uns ziemlich ausbremsen und viel Energie rauben können. Wollen wir das?

 

Natürlich nicht! Wie wäre es also mit Umlenkung! Ja Sie haben richtig gelesen, ich meine Umlenkung, nicht Ablenkung! Wer sich im Urlaub nur ablenkt mit allen möglichen und unmöglichen Unternehmungen, wer sich keine Faulenzerei erlaubt, der wird nach dem Urlaub fast so erschöpft seine Arbeit wieder aufnehmen, wie er sie vorher beendet hat.

 

Mit Umlenkung meine ich, das Gedankenkarussell mit einer einfachen Frage zu stoppen und das Gehirn zu aktivieren, in eine andere Richtung zu denken. Es ist wichtig, sehr wohl das Problem, das uns beschäftigt, wahrzunehmen, aber wir sollent uns da nicht nur im Kreise drehen.

 

Das gelingt, in dem wir uns die richtigen Fragen stellen. Zum Beispiel die Frage nach dem Wie: Wie könnte etwas doch noch gut werden? Wie wäre das möglich? Wie könnte ich mir eine positive Zukunft vorstellen?

 

Oder die Frage nach Alternativen: Welche Möglichkeit gibt es noch? Und welche noch? Und welche noch? Und bitte hören Sie da nicht nach den ersten 3 Antworten auf. Danach wird es erst so richtig spannend!

 

Oder die Frage nach einer Person: Wer hat ein ähnliches Problem schon mal gelöst? Wer hat das erreicht, was ich gerne erreichen will? Wer hatte Misserfolge und es dann doch zum Erfolg gebracht?

 

Wenn wir das öfter machen und über Lösungen nachdenken, dann bilden sich automatisch neue positive Gedankengruppen. Und wenn immer mehr solcher Lösungsteams dazu kommen, dann müssen sich alle Gruppen neu sortieren, vielleicht sogar den neuen unterordnen.

 

Wir haben tatsächlich die Möglichkeit, unsere Gedanken neu zu sortieren, damit uns das, was wir bewusst und unbewusst denken auch wirklich hilfreich ist. Nutzen wir dazu aktiv unseren Urlaub mit viel Faulenzerei!

 

„Faulheit ist die Angewohnheit, sich auszuruhen, bevor man müde ist!“, das bringt der französische Schriftsteller Jules Renard schon vor 100 Jahren genau auf den Punkt.

 

In diesem Sinne wünsche ich eine faule Urlaubszeit!